• Tim Hartlieb

Von ETFs und Einzelaktien - Mein „Backup“-ETF-Portfolio

Aktualisiert: Mai 25


In meinem ersten Beitrag habe ich versucht zu zeigen, warum ich nicht in einen breit gestreuten ETF – wie beispielsweise einen MSCI World ETF oder MSCI ACWI ETF – investieren würde. Aber die meisten von euch wissen ohnehin mittlerweile, dass ich derzeit nur einzelne Aktien der sog. Sparks in meinem Portfolio halte. Als "Backup" zu meiner Spark-Invest - Anlagestrategie habe ich mir allerdings vor einiger Zeit ein ETF-Portfolio zusammengestellt, in das ich unter gewissen Umständen umschichten werde. Um diese Umstände und das konkrete ETF-Portfolio geht es in diesem Beitrag.


Da ich das ETF-Portfolio als „Backup“ bezeichnet habe, zunächst die wohl wichtigste Frage: Wann würde ich in die entsprechenden ETFs umschichten?

Um das zu beantworten, muss ich etwas ausholen und meine Meinung zur grundsätzlichen ETF- vs. Einzelaktien-Diskussion erläutern. Spätestens zum Zwischenfazit sollte dann aber erkennbar sein, wann dieses ETF-Portfolio bei mir zum Einsatz kommt.


Zunächst einmal sind Indexprodukte für mich aus der Sicht von Privantanlegern eine geniale Erfindung. Denn dadurch kann nahezu jeder kostengünstig und ohne allzu großen Aufwand am Erfolg der Wirtschaft partizipieren und eine konkurrenzlos effektive Vermögensbildung betreiben. Zudem haben ETFs gezeigt, dass viele überdotierte Fondsmanager eigentlich gar keine Daseinsberechtigung haben, da sie oftmals nicht einmal die gängigsten Aktienindizes schlagen. Und es versteht sich ja hoffentlich auch von selbst, dass selbst der Kauf eines MSCI World ETF noch wesentlich besser ist, als das gesamte Geld über Jahre hinweg auf einem Girokonto zu parken.


Ich bin aber genauso davon überzeugt, dass Privatanleger durch die heutige Informations- und Wissensverfügbarkeit keinen Nachteil mehr gegenüber institutionellen Anlegern haben. Damit meine ich, dass es nie so „leicht“ war, produktive, wachstumsstarke und gut geführte Unternehmen von stagnierenden und unproduktiven Unternehmen zu unterscheiden. Ich sehe mittlerweile für Privatanleger sogar eher leichte Vorteile. Diese Diskussion würde hier allerdings zu weit führen.


Grundsätzlich gibt es für mich eine entscheidende Voraussetzung, um erfolgreich in einzelne Aktien investieren zu können: SPAß. Denn niemand wird in einer Disziplin wirklich gut, wenn ihm diese keine besondere Freude bereitet. Aus dieser Freude resultiert dann automatisch das thematische Interesse, mit dem die relevanten Informationen richtig beurteilt werden können. Ich persönlich finde es wiederum äußerst spannend, wachstumsstarke Unternehmen aufzuspüren, sie genau zu analysieren bzw. ihre Zukunftschancen zu bewerten und dann an ihrem Erfolg zu partizipieren.


Ein zweites Argument, das für Einzelaktien spricht, ist, dass man auf diese Weise viel mehr über aktuelle Markt- und Technologieentwicklungen lernt. Außerdem gibt es für mich keine "unterhaltsamere" Art, um das unternehmerische Denken zu trainieren.


Ein dritter „Vorteil“ ist, dass die Auswahl einzelner Unternehmen wettbewerbsaffinen und ehrgeizigen Anlegern die Möglichkeit bietet, eine Outperformance gegenüber Indizes und anderen Marktteilnehmern zu erzielen.

Von diesen drei Gründen einmal abgesehen, sprechen natürlich auch alle Punkte aus meinem ersten ETF-Artikel für Einzelaktien.


Gegen Einzelaktien spricht dagegen, dass logischerweise auch eine Underperformance möglich ist. Und die kann nicht nur ökonomisch nachteilig, sondern auch psychologisch frustrierend sein. Und nicht jeder will dieses „Risiko“ eingehen. Zudem ist ein erfolgreicher Einzelaktien-Ansatz natürlich schon mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden. Und diese Zeit fehlt natürlich an der ein oder anderen Stelle...



Zwischenfazit


Ich weiß damit, dass ich solange weiter in Einzelaktien investieren werde, bis:

  • ich die Lust an ausführlichen Unternehmensanalysen verliere bzw. es mir keinen Spaß mehr macht, „meine“ Sparks und ihr Branchenumfeldes aufmerksam zu verfolgen.

  • mein Ehrgeiz oder meine Wissbegierigkeit nachlässt.

Tritt einer der drei Gründe ein, so hoffe ich, dass ich mir dies möglichst umgehend eingestehen kann. Das heißt allerdings nicht, dass ich dann sofort alle Unternehmensbeteiligungen aus meinem Portfolio werfen muss. Vielmehr meine ich damit, dass ich die Vermögungsanlage an meine veränderten, persönlichen Präferenzen anpassen muss und beispielsweise nur noch ¼ der finanziellen Mittel in Einzelaktien investieren werde. Folglich würde ich die im Anschluss diskutierten ETFs umso stärker gewichten, je weniger Spaß und Interesse ich an den erforderlichen Rechercheaufgaben hätte. Und damit kommen wir jetzt zu den 6 konkreten ETFs, in die ich persönlich – Stand Mai 2020 – investieren würde.



Für die genauere Betrachtung nehmen wir vereinfacht an, dass sowohl Ehrgeiz, Interesse und Spaß auf "Null" abfallen. Die ausgewählten ETFs sollen aber trotzdem (m)einen Growth-Ansatz wiederspiegeln. Das heißt, dass auf einen längeren Zeithorizont (10-20 Jahre) keine Kapitalentnahme erfolgen bzw. kein passives Einkommen generiert werden soll. Stattdessen will ich aus Kosten-Nutzen-Perspektive die bestmögliche, interne Verzinsung erreichen. Und damit würde mein „Backup“ ETF-Portfolio wie folgt aussehen:

Grundsätzlich habe ich bei der ETF-Auswahl darauf geachtet, dass es sich um physisch replizierende ETFs und nicht um synthetische ETFs handelt. Außerdem ziehe ich persönlich immer thesaurierende ETFs vor, da dort anfallende Dividenden ohne Steuernachteil automatisch reinvestiert werden. Und zum dritten achte ich darauf, dass die Gesamtkostenquote eines ETFs (engl. TER = Total Expense Ratio) nicht allzu hoch ist. Allerdings sollte man hier auch nicht zum Pfenningfuchser werden und einen ETF nur aufgrund einer besonders attraktiv erscheinenden TER von beispielsweise 0,2% auswählen. Ich persönlich würde im aktuellen Euro-Umfeld außerdem ETFs vorziehen, die im US-Dollar notieren.



1


Etwa 20% der monatlichen Zuflüsse würde ich in einen Nasdaq 100 ETF [ISIN IE00B53SZB19] stecken. Zum ganzen Thema Software eats the world und NASDAQ wurde schon viel gesagt, daher will ich mich hier recht kurz fassen: In meinen Augen steht die Digitalisierung noch fast am Anfang und Technologie- bzw. Softwareunternehmen werden über die nächsten 10 Jahre nahezu jeden Sektor dramatisch verändern. Da diese Unternehmen zudem deutlich höhere Margen aufweisen, ist eine Outperformance dieser Unternehmen für mich quasi vorprogrammiert. Bei einer etwas näheren Betrachtung des Nasdaq 100 komme ich außerdem zu dem Entschluss, dass darin fast nur starke Unternehmen enthalten sind.



2 + 3


Die nächsten beiden ETFs, der ARK Innovation ETF [ISIN US00214Q1040] und der ARK Next Generation Internet ETF [ISIN US00214Q4010] stammen von ARK Investment Management. Das ist eine Investmentfirma, die von Cathie Wood gegründet wurde und nach wie vor von ihr geleitet wird. Bei diesen Indexprodukten handelt es sich um sog. aktiv gemanagte ETFs, wobei beide eine TER von 0,75% aufweisen. Ein solcher ETF orientiert sich nicht an einem starren Index und hat damit mehr Ähnlichkeit mit Fonds.


Ich selbst habe viel von Cathie Wood bzw. den ARK-Analysten gelernt und halte die ganze Truppe für äußerst kompetent. Im Gegensatz zu vielen, traditionellen Fonds-Boutiquen hat ARK kein Problem damit, Positionen bei zwischenzeitlicher Schwächephase zu halten. Denn während viele Fondsmanager gegen Jahresende Window-Dressing betreiben (müssen) oder einfach 50% ihres Portfolios in aktuell gehypten Blue Chips parken, wählt sie einen etwas anderen Ansatz.


Das wesentliche Merkmal von ARK ist umfassendes, unabhängiges und vollständig intern durchgeführtes Research, auf Basis dessen dann ausschließlich in disruptive Innovation investiert werden soll. Die Rendite spricht dabei für sich: Sowohl der Next Generation Internet ETF (obere Graphik) [1] als auch der Innovation ETF (untere Graphik) [2] haben den MSCI World (jeweils in rot) auf die letzten fünf Jahre um über 170% geschlagen!




In beiden ETFs befinden sich meist um die 40 Titel, wobei zwischen beiden einige Überschneidungen vorhanden sind. Diese wären von mir allerdings explizit erwünscht, da ich dadurch eine stärkere Konzentration in den „Top Picks“ erreiche.


Jetzt mag sich der ein oder andere vielleicht fragen, warum ich nicht einfach gleich die beiden ETFs kaufe, da doch deren Anlagestrategie meinem Spark-Ansatz stark ähnelt. Um es knapp zu formulieren: Ich habe mir fast alle Unternehmen aus den beiden ETFs wirklich sehr genau angeschaut und habe mich aufgrund folgender Punkte dagegen entschieden:


  1. Ich kann die bullishness von ARK für einige Unternehmen nicht ausreichend nachvollziehen

  2. Ich will ausgewählte Unternehmen deutlich stärker gewichten

  3. Der Lerneffekt.

  4. Interesse und Spaß.

  5. Ich will auch hier eine Outperformance erzielen.

  6. Zwei ETFs mit jeweils rund 40 Unternehmen (durch die Überschneidungen dann insgesamt eher um die 50-60) resultieren in einer für mich zu starken Diversifikation. Ich halte es da eher mit Altmeister Buffett und seinem Companion Munger, die es wie folgt ausdrücken:

“The idea of excessive diversification is madness. Wide diversification, which necessarily includes investments in mediocre businesses, only guarantees ordinary results.” (Munger)
“Diversification is protection against ignorance. It makes little sense if you know what you are doing.” (Buffett)

Das ganze Thema Diversifikation wäre allein schon einen eigenen Beitrag wert – fürs Erste soll das aber einmal genügen. Für eine Vermögensanlage, die ohne Eigenaufwand auskommen soll, halte ich wiederum eine Strategie, die nur auf diese beiden ETFs setzt, für zu wenig ausgewogen. Und das ETF-Portfolio basiert ja – wie eingangs erwähnt – gerade auf einem Szenario, bei dem Interesse und Spaß an jeglichen Recherchearbeiten auf Null zurückgeht. Daher würde ich persönlich als Ergänzung zu den reinen Technologie-ETFs noch in drei andere Indexprodukte investieren.



4


Der erste davon wäre ein ETF auf den MSCI ACWI Emerging Market Consumer Growth Index [ISIN IE00BKM4H197]. Was die Performance betrifft, hat dieser Index den MSCI Emerging Markets geschlagen und ist in etwa gleichauf mit dem MSCI ACWI. [3]


Warum würde ich trotzdem lieber in den Consumer Grwoth ETF investieren wollen? Das hat vor allem zwei Gründe. Zum einen steht wohl außer Frage, dass das noch ausstehende Konsumverlangen bzw. das Absatzpotential in Schwellenländern größer als im Westen ist. Zwar ist dort die Kaufkraft noch deutlich schwächer, dafür ist der menschliche Ehrgeiz und die absolute Verbraucherzahl ebenfalls höher. Zum zweiten haben meiner Ansicht nach Unternehmen, die Konsumartikel direkt an Endkunden verkaufen, eine bessere Preissetzungsmacht als Unternehmen, die am Anfang/in der Mitte einer Wertschöpfungskette feststecken.


In der Grafik darunter werfen wir noch einen kurzen Blick auf die zehn größten Positionen [3]. Die Gruppe kann sich dabei durchaus sehen lassen.



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Dazu würde ich noch einen ETF auf den MSCI World Momentum Index [ISIN IE00BL25JP72] abschließen. Auch hier zunächst ein kurzer Check der Performance der letzten Jahre: [4]


Das sieht für mich schon nach einen ganz passablen Outperformance aus. Der Momentum-ETF setzt dabei auf Unternehmen, die in den vergangenen sechs bzw. den zwölf Monaten starke Kursanstiege zu verzeichnen hatten. Das zu Grunde liegende Motto setze ich auch in meinem Einzelaktien-Ansatz um: „Winners just keep on winning.“ Und auch die derzeitige Top 10 sieht für mich nicht gerade nach schwachbrüstigen Unternehmen aus [4].


Das klingt jetzt zunächst für den ein oder anderen Leser zu einfach, um wahr zu sein. Fakt ist jedenfalls, dass dominante Marktführer eher nicht von heute auf morgen zu einem Zombie mutieren. Zwar kann es sein, dass ein Unternehmen nach einem besonders starken Anstieg und im Zuge einer zwischenzeitlichen Konsolidierung vorübergehend aus dem Index fliegt. Die Kursentwicklung zeigt in meinen Augen allerdings sehr deutlich, dass die Unternehmen, die sich die meiste Zeit über im Index befinden, diese Rotation mehr als kompensieren.



6


Last but not least würde ich noch rund 20% der finanziellen Mittel in einen Gesundheits-ETF auf den MSCI World Health Care Index [ISIN IE00BM67HK77] investieren. Auch hier wieder zunächst der Blick in die Vergangenheit: [5]


Wieder sehen wir eine klare Outperformance. Auch hier gibt es meiner Ansicht nach Indizien dafür, dass sich diese Outperformance eher noch verstärken wird. Zum einen bewirkt die demographische Entwicklung im Westen und in China einen zunehmenden Bedarf an Gesundheitsprodukten. Dazu kommt, dass Pharma- und Gesundheitsunternehmen in der Regel sehr hohe Gewinnmargen aufweisen. Und zum dritten wird die gesamte Branche meiner Ansicht nach von einem sich immer mehr beschleunigenden Trend profitieren: Der Kampf gegen den Tod. Dazu kann ich auf jeden Fall das Buch Homo Deus von Yuval Noah empfehlen.


Abschließend wieder ein kurzer Blick auf die 10 größten Unternehmen im Index. Auch hier handelt es sich meiner Meinung nach um eine ziemlich starke Ansammlung. [5]



FAZIT


Zum aktuellen Zeitpunkt kenne ich keinen Ansatz, mit dem ich (m)eine Geldanlage ohne Aufwand genauso effektiv gestalten könnte, als über diese Zusammenstellung. Zwar sind damit natürlich keine Jahresrenditen von 20% oder mehr erzielbar. Aber ich glaube, dass ich damit einen konventionellen MSCI World ETF locker schlagen würde. Und was die Minderrendite gegenüber (m)einem Einzelaktien-Ansatz betrifft, bleibt nur noch zu sagen: Ein free lunch gibt es leider nirgends.


Solange man allerdings die für Recherchearbeiten eingesparte Zeit in persönlich sinnvollere / erfüllendere Aktivitäten steckt, ist das meiner Meinung nach aber überhaupt nicht schlimm. Denn die wichtigste Rendite ist und bleibt die emotionale Rendite. Entscheidend ist in meinen Augen, dass Privatanleger Engagement und Lernbereitschaft realistisch und objektiv einschätzen. Gelingt dies, gibt es für mich keine „richtige“ oder „falsche“ Entscheidung in der Diskussion um einen aktiven oder passiven Portfolio-Ansatz.


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THE END.



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Der Verfasser übernimmt außerdem keinerlei Gewähr für die Aktualität, Richtigkeit oder Vollständigkeit der Inhalte. Und der Verfasser haftet somit auch nicht für Verluste, die aus Anlageentscheidungen resultieren, die auf im Beitrag geschilderten Informationen basieren.





[1]

yahoo finance - ARKW


[2]

yahoo finance - ARKK


[3]

https://www.msci.com/documents/10199/33ccb8e5-905d-416b-ad9a-16efe6992046


[4]

https://www.msci.com/documents/10199/904e031c-94e4-4dbc-a314-7c373446dffa


[5]

https://www.msci.com/documents/10199/c41a73d1-9037-4dbd-a175-703d3bb77ae6

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